1. Die Grundidee
Ein Kartenspiel, das speziell für Menschen mit Demenz entwickelt wurde und mit 2 bis 6 Personen gespielt werden kann (zum Beispiel eine Person mit Demenz und ein Familienmitglied oder eine kleine Gruppe in der Tagespflege).
Das Spiel hat keine komplizierten Regeln, keinen Wettbewerb und kein „richtig oder falsch“. Das einzige Ziel ist: gemeinsam Erinnerungen wecken, miteinander sprechen, lachen und die Zeit genießen.
Das Spiel besteht aus vier farbigen Kartensets, jedes mit einem eigenen Thema und dazugehörigen Frage- oder Handlungsaufgaben. Die Karten sind groß, übersichtlich gestaltet und liegen angenehm in der Hand.
Die vier Farben (Themen)
- Gelb – Bei uns zu Hause
- Blau – Freizeit
- Grün – Arbeit und Beschäftigung
- Rot – Genuss & Sinne
Pro Farbe gibt es 12 Karten, insgesamt also 48 Karten.
3. Der Inhalt pro Farbe
Gelb – Bei uns zu Hause (12 Karten)
Diese Karten handeln vom Alltag, von Familie und vom Zuhause.
Beispiel-Fragen (6 Karten)
- Wie roch es bei Ihnen zu Hause, wenn Sie hereinkamen?
- Was war Ihr Lieblingsplatz im Haus?
- Wer hat bei Ihnen das Essen gekocht? Was war das leckerste Gericht?
- Hatten Sie Haustiere? Erzählen Sie davon.
- Wie haben Sie früher Geburtstage gefeiert?
- Was haben Sie sonntagmorgens gemacht?
Beispiel-Aufgaben (6 Karten)
- Machen Sie einmal vor, wie man eine Tasse Tee zubereitet. (mit Gesten)
- Zeigen Sie, wie Sie früher die Wäsche aufgehängt haben.
- Singen Sie ein Lied, das Sie zu Hause oft gesungen haben.
- Tun Sie so, als würden Sie mit einem Stift einen Brief schreiben.
- Sortieren Sie diese Karten nach Farben. (als einfache motorische Aktivität)
- Suchen Sie etwas auf dem Tisch, das weich ist, und geben Sie es Ihrem Nachbarn oder Ihrer Nachbarin.
Blau – Freizeit (12 Karten)
Über Urlaub, Ausflüge, Hobbys und Feste.
Beispiel-Fragen (6 Karten)
- Sind Sie früher manchmal ans Meer gefahren? Was haben Sie dort gemacht?
- Mögen Sie Musik? Welche Sängerin oder welchen Sänger?
- Sind Sie früher tanzen gegangen? Wo?
- Was haben Sie im Sommer gemacht, wenn es warm war?
- Haben Sie Sport im Fernsehen geschaut? Welche Sportart?
- Hatten Sie ein Hobby? (Stricken, Gartenarbeit, Angeln usw.)
Beispiel-Aufgaben (6 Karten)
- Pfeifen oder summen Sie Ihr Lieblingslied.
- Machen Sie einen kleinen Tanzschritt, wenn Sie sich gut fühlen.
- Tun Sie so, als würden Sie ein Eis essen.
- Machen Sie einen kleinen Spaziergang durch den Raum (zusammen mit jemandem).
- Klatschen Sie im Takt eines Liedes, das Ihnen gefällt.
- Schauen Sie gemeinsam aus dem Fenster. Was sehen Sie?
Grün – Arbeit und Beschäftigung (12 Karten)
Über Beruf, tägliche Tätigkeiten und frühere Aufgaben.
Beispiel-Fragen (6 Karten)
- Was war Ihr Beruf? Was haben Sie genau gemacht?
- Wie sind Sie früher zur Arbeit gekommen?
- Hatten Sie einen Chef oder haben Sie selbstständig gearbeitet?
- Was hat Ihnen an Ihrer Arbeit am meisten gefallen?
- Haben Sie ein Handwerk gelernt? (Stricken, Holzarbeiten, Kochen usw.)
- Was haben Sie nach der Arbeit gemacht, um sich zu entspannen?
Beispiel-Aufgaben (6 Karten)
- Zeigen Sie, welches Werkzeug Sie früher benutzt haben.
- Tun Sie so, als würden Sie etwas nähen oder stricken.
- Zählen Sie laut bis zehn, so wie Sie früher Dinge gezählt haben.
- Machen Sie eine Verbeugung, als hätten Sie gerade einen Auftritt oder eine Präsentation beendet.
- Schütteln Sie jemandem die Hand, so wie Sie es früher gemacht haben.
- Tun Sie so, als würden Sie eine schwere Tasche heben.
Rot – Genuss & Sinne (12 Karten)
Sinneskarten, die zum Erleben einladen.
Beispiel-Fragen (6 Karten)
- Was ist Ihr Lieblingsgeruch? (Kaffee, Blumen, Seife usw.)
- Was haben Sie früher am liebsten als Nachtisch gegessen?
- Welches Geräusch macht Sie glücklich? (Vögel, Musik, Stimmen usw.)
- Was fühlt sich angenehm an? (Wolle, eine Katze, ein warmes Handtuch usw.)
- Erinnern Sie sich an einen besonderen Geruch aus Ihrer Kindheit?
- Was haben Sie morgens am liebsten getrunken?
Beispiel-Aufgaben (6 Karten)
- Schließen Sie die Augen und riechen Sie an diesem Duftsäckchen. (falls vorhanden)
- Nehmen Sie einen Schluck Wasser oder Tee und sagen Sie, ob es Ihnen schmeckt.
- Fühlen Sie diesen Stoff (z. B. Samt, Wolle, Baumwolle). Was fühlen Sie?
- Tun Sie so, als würden Sie etwas Warmes in den Händen halten.
- Berühren Sie Ihren Nachbarn oder Ihre Nachbarin sanft am Arm.
- Lachen Sie einmal laut. Wie fühlt sich das an?
4. Die Spielregeln (einfach und flexibel)
Das Spiel hat keinen festen Gewinner. Es geht um das gemeinsame Zusammensein. Es gibt drei Spielmöglichkeiten:
Methode 1: Die Fragerunde (für 2–4 Personen)
- Mischen Sie die Karten und legen Sie sie auf einen Stapel.
- Der jüngste Spieler beginnt, zieht eine Karte und liest die Frage vor (oder die Betreuungsperson liest sie vor).
- Der Spieler beantwortet die Frage. Andere dürfen reagieren oder ihre eigenen Erinnerungen teilen.
- Danach ist der nächste Spieler an der Reihe.
- Nach 20–30 Minuten beendet man das Spiel. Man kann jederzeit aufhören, wenn es sich richtig anfühlt.
Methode 2: Farbe wählen (für Menschen, denen das Entscheiden schwerfällt)
- Legen Sie alle Karten verdeckt auf den Tisch.
- Fragen Sie: „Welche Farbe spricht Sie an? Gelb, Blau, Grün oder Rot?“
- Nehmen Sie eine beliebige Karte dieser Farbe und lesen Sie sie vor.
- So hat die Person das Gefühl, selbst zu entscheiden.
Methode 3: Gemeinsam spielen (für eine Person mit Demenz und eine Begleitperson)
- Die Begleitperson hält die Karten in der Hand.
- Sie wählt eine Karte, die zur Stimmung oder zum Moment passt.
- „Wollen wir über früher sprechen? Ich habe hier eine Karte … was denken Sie?“
- Es ist eher ein Gesprächsanstoß als ein Spiel.
Wichtige Regeln für die Begleitperson
- Lesen Sie die Karte ruhig vor.
- Geben Sie Zeit. Manchmal dauert es etwas, bis eine Antwort kommt.
- Stellen Sie Anschlussfragen: „Erzählen Sie mehr?“ „Wie hat sich das angefühlt?“
- Nichts erzwingen. Wenn jemand nicht antworten möchte, gehen Sie einfach zur nächsten Karte.
- Schätzen Sie jede Antwort wert: „Wie schön, dass Sie das erzählen.“
- Lachen Sie gemeinsam und bleiben Sie entspannt.
5. Zusätzliche Materialien zum Kartenspiel
Um das Spiel noch abwechslungsreicher zu machen, kann ein passendes „Fühl- und Duftbeutelchen“ hinzugefügt werden.
Ein kleines Stoffbeutelchen mit:
- ein paar Lavendelblüten
- einem Stück Zimt
- einem weichen Stoff (Samt)
- einem glatten Stein
Dieses Beutelchen kann bei den roten Karten eingesetzt werden, aber auch einfach während des Gesprächs in der Hand gehalten werden. Es sorgt für Ruhe und eine angenehme Sinneswahrnehmung.
6. Warum funktioniert dieses Kartenspiel?
- Keine kognitive Belastung: Es müssen keine Regeln oder Punkte behalten werden.
- Erfolg garantiert: Jeder Mensch hat Erinnerungen und Gefühle. Jede Antwort ist richtig.
- Niedrige Einstiegsschwelle: Große Schrift und einfache Symbole machen das Spiel leicht zugänglich.
- Flexibel: Es kann überall gespielt werden – am Tisch, im Wohnzimmer, im Krankenhaus oder zu Hause auf dem Sofa.
- Persönlich: Die Fragen passen zur Lebenswelt älterer Menschen mit Demenz.
- Verbindend: Menschen kommen miteinander ins Gespräch, lachen zusammen und fühlen sich gesehen.
7. Beispiel einer Spielrunde
Teilnehmer: Herr Jansen (82, Demenz), Frau Meier (79, Demenz) und Claudia (Aktivitätenbetreuerin).
Claudia mischt die Karten und legt sie auf den Tisch.
Claudia: „Wollen wir ein Spiel mit diesen Karten machen? Sie handeln von früher. Herr Jansen, möchten Sie anfangen?“
Herr Jansen zieht eine gelbe Karte. Claudia liest vor:
„Wie roch es bei Ihnen zu Hause, wenn Sie hereinkamen?“
Herr Jansen: (denkt nach)
„Nach Bohnerwachs … und Suppe. Meine Frau hat immer Suppe gekocht.“
Frau Meier:
„Bei uns roch es nach Tabak. Mein Vater hat Pfeife geraucht.“
Claudia:
„Wie besonders – zwei so klare Gerüche. Frau Meier, möchten Sie jetzt eine Karte ziehen?“
Frau Meier zieht eine blaue Karte:
„Mögen Sie Musik?“
Frau Meier:
„Oh ja, von früher. Udo Jürgens, das fand ich wunderschön.“
Claudia:
„Wollen wir ein Stück von Udo Jürgens singen? Kennen Sie ‚mit 66 jahren‘?“
Sie singen gemeinsam ein Stück. Herr Jansen summt mit.
Nach ein paar Karten merkt Claudia, dass Frau Meier müde wird.
Claudia:
„Wir haben so schön gesprochen. Wollen wir die Karten wegräumen und noch eine Tasse Kaffee trinken?“
Ergebnis
Eine halbe Stunde voller Wiedererkennung, Gesang und Verbundenheit. Kein Druck – nur Freude.
Zusammenfassung
„Erinnerungen am Tisch“ ist ein einfaches, aber wirkungsvolles Hilfsmittel, um Menschen mit Demenz auf angenehme und niedrigschwellige Weise zu aktivieren und miteinander zu verbinden.
Es passt in die Hand – öffnet aber die Tür zu einer Schatzkiste voller Erinnerungen.




